Leseclub: „Ein Zimmer für sich allein“

„Ein Zimmer für sich allein“ ist einer der Klassiker der Frauenbewegung schlechthin. Brillant und witzig beschreibt Virginia Woolf 1929 in diesem Essay die Lage der Frauen aus der Perspektive einer fiktiven Schriftstellerin, mit der wir die Möglichkeiten zu schreiben durchstreifen.

„Wieso sind Frauen arm?“,

 

fragt sie sich. Wieso haben Frauen, die Jahrhunderte mehr oder weniger in das Haus verbannt wurden, nicht einmal ein Zimmer für sich allein – eine Grundbedingung für das Schreiben? Wieso werden Frauen nicht nur durch ihre Festlegung auf Küche und Kinder am Schreiben gehindert, sondern ihr Schreiben auch noch lächerlich gemacht und regelrecht angefeindet?

Diese Fragen und viele weitere Beobachtungen erscheinen beim ersten Lesen immer noch schmerzlich aktuell. Auf den zweiten Blick hat sich sehr viel geändert – aber in welcher Hinsicht, und in welcher auch wieder nicht?

Für diese Fragen gab der Leseclubabend wieder spannende Austauschmöglichkeiten.

Laura Freisberg, die Moderatorin des Leseclubs zu Virginia Woolfs „Ein Zimmer für sich allein“, resümmiert Woolfs Essay und die Diskussion des Abends vom 29. Oktober

Harvard Theater Collection, Houghton Library, Harvard University

Virginia Woolf (1882-1941) war nicht nur in ihrem Denken, sondern auch in ihrem Schreiben eine Frau, die es wagte, neue Wege zu gehen und Konventionen zu brechen. Die Literaturwissenschaft sieht Woolf neben Joyce und Tolstoi als Begründerin des „stream of consciousness“. Auch in ihrem berühmten Essay ist die Autorin äußerst unkonventionell: Sie beschreibt darin einerseits ihre eigene Recherche zu dem recht vagen Thema „Frauen und Literatur“. Das war die Vorgabe zu zwei Vorträgen, die sie 1928 an dem Frauen-College der Uni Cambridge gehalten hatte. Auf diesen beiden Vorträgen basiert der spätere Essay „Ein Zimmer für sich allein“, den Virginia Woolf in ausführlicher und überarbeiteter Form auch 1929 veröffentlicht hat.

Der kleine Bereich universitären weiblichen Lebens

Andererseits erfindet Woolf für diesen Essay auch eine literarische Figur, Mary, eine Frau, die der Autorin zwar ähnlich ist – aber eben nicht die Autorin selbst. Diese Mary besucht die Orte Oxbridge und Fernham, um dort über den Campus zu flanieren und sich mit Freunden zum Essen zu treffen. Natürlich sind Oxbridge und Fernham fiktive Orte, aber sie stehen schon stellvertretend für Cambridge/Oxford und den kleinen Bereich universitären Lebens, den sich Frauen damals erobert hatten. Mary empört sich an diesem Tag nicht nur darüber, dass sie nicht über den Rasen laufen darf und ohne männliche Begleitung keinen Zugang zur Bibilothek hat – sondern auch darüber, wie unterschiedlich gut das Essen an den beiden Colleges ist: Bei den Herren kann man nach dem Mittagessen beschwingt philosophieren, bei den Damen müssen sich Mary und ihre Freundin erst mit ein bisschen Alkohol über das triste Essen hinwegtrösten.

Virginia Woolf leitet hier mit Leichtigkeit ein, was eigentlich ein sehr pekuniäres Thema ist: die Frage, warum die Universitäten für Männer so viel besser ausgestattet sind als die wenigen für Frauen – und wie sich dies ändern ließe.
Die Backpflaumen und die absurden Vorschriften auf dem Männercampus stehen dabei für die damalige finanzielle und rechtliche Benachteiligung von Frauen.

Virgina Woolfs Lebensrealität

Virginia Woolf: Ein Zimmer für sich allein

Ende der sechziger Jahren hat die Frauenbewegung die zwei Texte „Ein Zimmer für sich allein“ und „Drei Guineen“ für sich entdeckt – und noch heute muten Woolfs Essays erstaunlich modern an. Um so befremdlicher ist es, wenn man beim Lesen begreift, unter welchen rückständigen Bedingungen Virginia Woolf selbst gelebt und gearbeitet hat. Diese brillante Frau wurde zwar zu Hause unterrichtet, hatte aber zum Beispiel nie studieren dürfen, worunter sie ihr Leben lang litt.

In ihren beiden Vorträgen, auf denen „Ein Zimmer für mich allein“ basiert, sprach Virgina Woolf zu Studentinnen, sie schilderte ihre eigene Recherche und legte gleichzeitig offen, wie privilegiert sie selbst war – hatte sie doch eine Erbschaft gemacht, die ihr nun erlaubte, sich finanziell abgesichert dem Schreiben zu widmen. Doch sie wollte auch bei ihren Zuhörerinnen ein Bewusstsein für die neuen Möglichkeiten und Freiheiten gewinnen: die Chance zu studieren, die Einführung des Frauenwahlrechts.

Das Gefühl, direkt angesprochen zu werden

Diese direkte Ansprache funktioniert auch noch viele Jahrzehnte später: Eine Teilnehmerin des Leseclubs erklärte, dass ihr der Essay vor allem deshalb so viel Freude beim Lesen bereitet habe, weil sie das Gefühl hatte, sie als Frau würde direkt angesprochen. So fragt Woolf ihre Zuhörerinnen und Leserinnen zum Beispiel:

„Ist ihnen bewusst, dass Sie vielleicht das am häufigsten abgehandelte Tier des Universums sind?“

Zu dieser Schlussfolgerung kommt Woolf, als sie bei ihrer Recherche zu „Frauen und Literatur“ in der British Library zwar sehr viele Bücher über Frauen findet – sie liefert sogar eine ganze Liste -, doch diese Bücher seien allesamt von Männern geschrieben worden, durchgehend vermeintliche Experten. Virginia Woolf schildert, wie sie sich durch die Literatur über Frauen kämpft und beim Lesen bald den Eindruck gewinnt, dass der Autor des Textes oft ein zorniger Mann sei, der beim Schreiben mit seiner Feder auf das Papier einsteche, so …

„… als töte er beim Schreiben ein schädliches Insekt.“

Sie selbst empfinde beim Lesen Zorn und wundere sich, woher der Zorn der Männer käme. Dies ist eine Frage, die auch Jahrzehnte später im Leseclub bedrücktes Erstaunen hervorruft: Woher kommt der Zorn mancher Männer, die in einer patriachalen Gesellschaft wie der Großbritanniens im Jahre 1928 doch ohnehin alle Macht, alle Privilegien inne hatten?

Die Frau, der Spiegel für den Mann?

Virginia Woolfs Erklärung ist recht psychologisch: Das männliche Ego brauche das weibliche als eine Art Zauberspiegel, durch den es selbst stärker, fähiger, besser wirke. Die Abwertung der Frau erfolge, um sich selbst aufzuwerten. Im Leseclub diskutierten wir, warum sich auch heute noch bei manchen Männern die Tendenz findet, alles abzuwerten, was als weiblich gelte – auch bei sich selbst. Virginia Woolf tröstet sich und ihre Zuhörerinnen über diesen Umstand hinweg, indem sie anmerkt, dass Frauen erfreulicherweise frei von diesem Bedürfnis seien.

Der Vergleich mit Simone de Beauvoirs umfangreiches Werk „Das andere Geschlecht“ drängt sich geradezu auf. Denn auch hier beschreibt eine Autorin ihre Recherche zu der Frage: Was bedeutet es, eine Frau zu sein – unter welchen Umständen entwickeln wir unser Verständnis von der Welt und unser Selbstverständnis?

Nutzt eure Chancen!

“Ein Zimmer für sich allein” kann als ein Aufruf gelesen werden, die eigenen Chancen zu nutzen. Heute sind die Chancen, ein selbstbestimmtes Leben zu führen, in vielen Ländern für Frauen sehr viel größer als vor 90 Jahren. Doch zwei der älteren Teilnehmerinnen des Leseclubs warfen die Frage auf, ob es sein könne, dass heutzutage manche Frauen gar nicht alle Chancen nutzen wollten, die sich ihnen böten? Damit meinten sie vor allem die Chance, Karriere zu machen. Eine Feststellung, die sich in einer Lesekreis-Runde nicht wirklich beantworten lässt – außer mit einem Argument von Laurie Pennys Pamphlet „Unsagbare Dinge“, das im vorangegangenen Leseclub besprochen wurde. Darin erklärt die junge Britin: Wenn es für Frauen die einzige Freiheit sei, sich vom Arbeitsmarkt genauso ausbeuten zu lassen wie Männer, so sei das ein Fortschritt, den manche Frauen berechtigterweise nicht bejubeln.

Auch Virginia Woolf hat sich schon 1928 mit der Frage beschäftigt, warum wir Arbeit so unterschiedlich bewerten und weshlab typische Frauen-Tätigkeiten so viel geringer geachtet würden. Allerdings erklärt Woolf nach ein paar Sätzen, dass diese Frage wohl zu kompliziert sei …

Die (weibliche) Geschichtsschreibung

In ihrem Essay fordert sie, dass Frauen – vor allem ihre jungen Zuhörerinnen – selbst auch schreiben sollten, und zwar über Frauen und ihre Erfahrungen. Sie bemängelt, dass es zwar massenhaft Literatur von vermeintlichen Experten über Frauen gäbe, wir aber kaum wüssten, wie Frauen im elisabethanischen Zeitalter, also zu Shakespeares Zeiten, gelebt hätten. Im Grunde fordert sie hier eine „her-story“, eine weibliche Geschichtsschreibung. Woolf beklagt die Anhäufung nie beschriebenen Lebens und den Mangel an interessanten fiktiven Frauenfiguren in Romanen und Theaterstücken.

Bis heute haben Frauen als Autorinnen von Romanen, Dramen, Sachbücher und Essays natürlich aufgeholt, die Geschichten sind voller spannender Heldinnen und Anti-Heldinnen, nur bei den großen Hollywoodproduktionen sieht es immer noch ziemlich mau aus. Eine Teilnehmerin wies darauf hin, dass sie auch im Bereich der Geschichtsschreibung noch Nachholbedarf sehe: denn die wurde in den letzten Jahrzehnten vor allem von Männern gemacht und selbst neutrale Wissenschaften wie Archäologie folgten nur einem bestimmten männlichen Blickwinkel.

Wer hat wirklich dieses „Zimmer für sich allein“?

Zum Ende des Leseclubs drehte sich die Diskussion dann um das tatsächliche Zimmer – wieviele Frauen haben denn wirkliche einen eigenen Raum, in dem sie ungestört sein können? Aber genauso wie „Ein Zimmer für sich allein“ auf verschiedenen Ebenen verstanden werden kann – das Zimmer als Zeichen für finanzielle und geistige Unabhängigkeit, als tatsächlichen Raum und als Ort in der Geschichte – so kann auch Virginia Woolfs Aufruf zu schreiben etwas weitergefasst verstanden werden: Wir müssen nicht alle zu Schriftstellerinnen oder Essayistinnen werden. Aber wir sollten unsere Chancen nutzen, eine Stimme zu haben in dieser Welt.

Virginia Woolf lebte von 1882 bis 1941 in England, wuchs in der Enge des viktorianischen Zeitalters auf und begann früh als Literaturkritikerin und Essayistin zu arbeiten. Ein ihr zugedachtes Erbe einer Tante ermöglichte ihr dann ein Leben als eigenständige Schriftstellerin. Ende der 20er Jahre des letzten Jahrhunderts war sie mit mehreren Romanen und zahlreichen Essays erfolgreich und international bekannt. Ihre Liebe zu der englischen Schriftstellerin und Gartengestalterin Vita Sackville-West verarbeitete sie in ihrem berühmten Roman „Orlando“.

 

Bei Interesse an den Leseclub-Abenden melden Sie sich bitte unter info@frauenstudien-muenchen.de. Der Eintritt ist frei, die Platzzahl aber beschränkt.
Alle Bücher, die im Frauenstudien Leseclub gelesen werden, können über die Buchhandlung Buch & Bohne bezogen werden.

Zum Weiterlesen:

  • Virgina Woolf: „Orlando“, 1928, Hogarth Press, London
  • Virginia Woolf: „Mrs. Dalloway“, 1925, Hogarth Press, London
  • Woolf’s gesammelte Werks gesamt auf Deutsch im Fischer Verlag

 

 

Ein Kommentar zu “Leseclub: „Ein Zimmer für sich allein“

  1. Es gibt viele Zitate aus diesem Buch, die ich sehr mag. Ich fange mal mit einem an:
    “A woman must have money and a room of her own if she is to write fiction.”
    Und das gilt heute noch so – und auch, wenn sie etwas anderes als „fiction“ schreiben möchte …

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