Leseclub: “Kassandra” – Nachbericht

Ein Nachbericht zum Leseclub von Laura Freisberg

1980, März: Christa Wolf verpasst ihren Flug nach Athen und beginnt erst zuhause, dann in der Wartehalle am Flughafen, “Die Orestie” von Aischylos zu lesen. Die Figur der Kassandra fasziniert sie sofort – später entsteht aus dieser Faszination die Arbeit an der gleichnamigen Erzählung. In ihren Poetik-Vorlesungen aus dem Jahr 1982, die unter “Voraussetzungen einer Erzählung: Kassandra” erschienen sind, erklärt sie dazu:

“Die Gefangene nahm mich gefangen… dreitausend Jahre weggeschmolzen”.

Was interessiert Christa Wolf, DDR-Schriftstellerin mit dem Privileg nach Griechenland reisen zu dürfen, an dieser Figur? In den Sagen des klassischen Altertums taucht Kassandra als trojanische Prinzessin auf, welche zwar die Seherinnen-Gabe besitzt, deren Weissagungen vom Krieg mit den Griechen und dem Untergang Trojas aber niemand glauben will.

 

Erkenne dich selbst

Für Christa Wolf aber ist sie eine glaubwürdige Figur, wenn sie schreibt:

“Glaubwürdig war sie mir in einem anderen Sinn: Mir schien, daß sie als einzige in diesem Stück sich selber kannte”.

Ihre Erzählung zu Kassandra beginnt vor den Toren Mykenes, der griechischen Stadt, in die Agamemnon, der Oberbefehlshaber der Griechen, sie und ihre Kinder als Kriegsbeute verschleppt hat. Durch ihre Sehergabe weiß sie, dass Agamemnon gerade von seiner Frau Klytaimnestra ermordet wird – und dass auch sie und ihre Kinder sterben werden, sobald sie den Palast betritt.

Von diesem Punkt aus beginnt Kassandra bei Christa Wolf mit ihrer Selbstbefragung, sie legt vor sich selbst Rechenschaft ab über ihr Leben in Troja, als Lieblingstochter des König Priamos, als Seherin, in ihrer Rolle als Außenseiterin, die doch zur Elite gehört. Die Fähigkeit zur Selbstbefragung hängt auch mit ihrer Berufung zur Apollon-Priesterin zusammen: der Ausspruch “Erkenne dich selbst” wird historisch dem Gott Apollon zugeordnet.

 

Der Preis der Unabhängikeit

Im Leseclub diskutierten wir darüber, wie sehr bei “Kassandra” Christa Wolfs eigene Rolle als Schriftstellerin in der DDR gespiegelt wurde – oder ob Wolf in ihrer Erzählung eher universelle Konflikte von Frauen in der Gesellschaft behandelte.

Für eine Teilnehmerin, die das Buch in den Achtziger Jahren – als Westdeutsche – gelesen hatte, sprach die Kassandra in der Erzählung ganz klar von den Auseinandersetzungen mit patriarchalen Strukturen, die sie selbst regelmäßig erlebte. Für eine andere Teilnehmerin – die in Ostdeutschland aufgewachsen ist – ist der Bezug zur DDR aber nicht zu übersehen: wenn Kassandra beschreibt, wie der Chef einer Art “Geheimdienst” an die Macht kommt, Stück für Stück die Gesetze und die Sprache von Troja ändert, ein System von Misstrauen und Denunziation aufbaut – dann seien das klare Anspielungen auf die Stasi.

Ich denke, das Spannende an Christa Wolfs Text ist, das beides stimmt: “Kassandra” ist eine literarische Selbstbefragung der Autorin und beschreibt gleichzeitig Machtmechanismen, die Menschen, vor allem Frauen, durch alle Zeiten hindurch erfahren können. Die Erzählung ist auch ein Nachdenken darüber, was es bedeutet, innerlich unabhängig zu sein und sich selbst nicht zu belügen.

 

Wann beginnt der “Vorkrieg”?

Zum Beispiel kann man in der Erzählung erfahren, wie sich eine Gesellschaft verändert, die auf einen Krieg zusteuert. Christa Wolf erfindet dazu die Figur des Eumelos, ein Mann, der eigentlich ein Niemand ist, der durch den Konflikt mit den Griechen, den er selbst immer mehr verstärkt, auch immer wichtiger wird. Er baut ein Sicherheitssystem auf, das vor allem die eigenen Leute bespitzelt. Seine Macht wächst, weil er zum einen die Ängste, zum anderen die Eitelkeiten der Mächtigen bedient. Eumelos, so erklärt es Kassandra, wurde deshalb so mächtig, weil sich ihm niemand rechtzeitig in den Weg gestellt hat – auch sie selbst nicht:

“Wann Krieg beginnt, das kann man wissen, aber wann beginnt der Vorkrieg. Falls es da Regeln gäbe, müßte man sie weitersagen. In Ton, in Stein eingegraben, überliefern. Was stünde da. Da stünde, unter andern Sätzen: Laßt euch nicht von den Eigenen täuschen.” (aus “Kassandra” von Christa Wolf)

Zu dem “Vorkrieg” gehört auch, dass Kassandras Mutter, Königin Hekabe, aus dem Rat ausgeschlossen wird – obwohl sie einmal viel mächtiger war, als ihr Ehemann, weil sie diejenige mit dem politischen Verständnis ist. Auch um die Sprache wird ein Krieg geführt: so soll König Priamos erst nur noch “Unser mächtiger König”  – und als die Lage immer hoffnungsloser wird “Unser allermächtigster König” – genannt werden. Gleichzeitig ist der Grund für den Krieg, die “geraubte Helena” nur ein Phantom, Paris hat sie gar nicht nach Troja gebracht, trotzdem ist sie ein wichtiges Propagandamittel und die Menschen in Troja sollen glauben, dass die schönste aller Frauen in ihrer Stadt ist. Die Bedeutung von Kassandras Bruder Paris hängt ganz entschieden davon ab, ob Helena bei ihm ist oder nicht, denn angeblich wurde ihm die Schönste aller Frauen von der Göttin Aphrodite versprochen.

 

Was also treibt den Krieg an?

Zum einen die Minderwertigkeitsgefühle von Paris, seine Rachefantasien – weil er als Kind aus dem Palast ausgeschlossen wurde. Zum anderen die Kriegsgelüste von Männern wie Eumelos und König Priamos, aber auch Agamemnon und Odysseus auf griechischer Seite. Kassandra sieht, dass es auch ein Krieg der Männer – beider Seiten – gegen die Frauen ist (und gegen die Männer, die von dem Aufrüsten nicht profitieren).

Vor allem aber die Frauen sind Verhandlungsmasse: so opfert der Anführer der griechischen Armee seine Tochter Iphigenie, damit die Griechen bei der Überfahrt guten Wind haben. Und König Priamos von Troja setzt seine Töchter als Mittel ein, um militärische Verbündete zu locken. Am drastischsten beschreibt Kassandra aber den Mord an ihrer Schwester Polyxena – sie wird, als die Griechen Troja niederbrennen und fast alle Bewohner umbringen, auf dem Grab des Achill geopfert, weil er sich das vor seinem Tod gewünscht hat. Der Nach-Ruhm eines Kriegers ist also unendlich viel mehr wert als das Leben einer Prinzessin.

 

Die Nähe zur Macht

Kassandra denkt aber auch viel nach über ihre eigene Verstrickung in das Geflecht der Macht in Troja. Sie ist in ihren Warnungen, ihren Kassandra-Rufen nicht so deutlich, dass sie direkt mit König und Geheimdienst in Konflikt kommt. Als sie erfährt, dass die schöne Helena gar nicht in Troja ist, schreit sie nicht “Es gibt keine Helena” sondern nur “Wir sind verloren”. Denn, das gesteht sie vor sich selbst ein, sie gehört selbst zum “Palast”, sie stammt aus der Herrscherfamilie und möchte immer noch die Lieblingstochter des Königs sein.

Außerdem hat sie die Zensur schon verinnerlicht, wenn sie davon spricht, dass “der Eumelos in mir” sie darin gestoppt hat, die Wahrheit um Helena so deutlich auszusprechen. Die Nähe zur Macht war für Christa Wolf gewiss auch ein wichtiges persönliches Thema: zum einen war sie bis 1965 selbst politisch aktiv, zum anderen hatte sie wohl auch einen kurzen Kontakt zur Stasi – weshalb 1993, als es bekannt wurde, die öffentliche Empörung groß war.

In der Erzählung ist die Seherin, die Prinzessin, deren Warnungen niemand ernst nimmt, in einer schwierigen Situation: einerseits gehört sie zur Königsfamilie, andererseits wird sie von ihrem Vater weggesperrt, als sie ihm zum ersten Mal deutlich widerspricht. Schließlich findet sie für einige Zeit Frieden bei einer Gemeinschaft von Außenseitern: diese Frauen leben außerhalb der Stadtmauern in Höhlen und beten dort eine Gottheit an, von der Kassandra, die Apollon-Priesterin, noch nie gehört hatte: Kybele. 

 

„Sehnsüchtiges utopisches Denken“

Im Leseclub diskutierten wir auch über diese unterschiedlichen Bereiche:

funktioniert ein Rückzug aus der “Stadt” in der Politik gemacht wird, die aber von Geheimdienst und König beherrscht wird? Und wofür steht diese Gemeinschaft, die überwiegend aus Frauen besteht und in Höhlen lebt? Ist Kassandras Zeit dort wie ein Rückzug in feministische Kreise?

Eine Teilnehmerin erzählte, dass dieser Aspekt für sie bei ihrer Lektüre in den 80er Jahren ziemlich wichtig war. Die Verehrung der Göttin Kybele, das Zusammenleben in einer Frauen-Gesellschaft, verglich sie mit dem Ökofeminismus. Auch für Christa Wolf waren die Bezüge zu frühen, nicht-patriarchalen-Gesellschaften wichtig. In ihrem Text “Voraussetzungen einer Erzählung: Kassandra” beschreibt sie ihr Interesse für die minoische Kultur. Zwei ihrer Freundinnen machen sich auf Kreta auf die Suche nach Spuren für eine matriarchale Kultur. Wolf sieht darin ein “sehnsüchtiges utopisches Denken” – und ist trotzdem davon fasziniert, dass früher weibliche Gottheiten verehrt wurden. 

Eine Teilnehmerin wies außerdem darauf hin, dass bei Christa Wolf die Rollen wie “Seherin” und “Held” aufgehoben bzw überwunden werden: denn Kassandra ist zwar eine Seherin, aber niemand glaubt ihr – und ihr Bruder Hektor soll zwar als Held auf das Schlachtfeld ziehen – muss sich aber erst trainieren und überwinden, um in den Krieg ziehen zu können.

Ganz unabhängig von den vielen verschiedenen Ebenen – Antiker Mythos von einer (DDR)- Schriftstellerin in den 80er Jahren interpretiert – hat Christa Wolf mit ihrer Kassandra eine Figur geschaffen, deren ehrliche Selbstbefragung bis heute fasziniert.

 

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