Leseclub: „Wachsen am Mehr anderer Frauen“ von Dorothee Markert

Nachbericht von Laura Freisberg

In dem Buch „Wachsen am Mehr anderer Frauen“, das 2002 erschienen ist, versammelt die ehemalige Lehrerin, Diplom-Pädagogin und Publizistin Dorothee Markert ihre feministischen Vorträge aus den Jahren 1994 bis 2002. Sie denkt über die verschiedensten Begriffe und Zustände nach, übt Kritik an der “Gruppen-Kultur der Frauenbewegung”, philosophiert über den Wert von Hausarbeit und über die Bedeutung von “Dankbarkeit” in den Beziehungen zwischen Frauen. Dabei orientiert sie sich stark an den italienischen Philosophinnen des “affidamento” (vgl. dazu den Leseclub zu “Wie weibliche Freiheit entsteht).

Die Kern-Frage bei Dorothee Markert lautet: Wie können politische Veränderungen durch veränderte Beziehungen unter Frauen bewirkt werden? Zentrale Begriffe für Dorothee Markert sind “Begehren” und “Geschlechterdifferenz”, sowie der Begriff der “Vermittlung”. Seit 1988 arbeitet sie als Übersetzerin und Autorin daran, die Ideen der italienischen Philosophinnen des “affidamento” um Luisa Muraro auch im deutschsprachigen Raum bekannt zu machen, weshalb in ihrem Sammelband auch ein Text – genauer gesagt die Übersetzung eines Vortrags – von Luisa Muraro selbst nicht fehlen darf.

In dem Vortrag mit dem Titel “Ein authentisches Selbstbewusstsein, das zu Lust, Freiheit und wirkungsvollem Handeln führt” stellt Muraro die These auf, ihr Selbstbewusstsein als Frau entstehe “zusammen mit der Dankbarkeit gegenüber der Frau, die einen zur Welt gebracht hat” – also der Mutter. Damit meint sie aber kein Gefühl auf der psychischen Ebene, auch wenn von “Wertschätzung”, “Anerkennung” oder “Dankbarkeit” die Rede ist – sondern eine Bedeutung auf der symbolischen Ebene. Das heißt, selbst wenn jemand eigentlich Vorwürfe oder Groll gegen die eigene Mutter hegt, kann sie trotzdem “Dankbarkeit” gegenüber der Mutter empfinden. Muraro geht es darum, dass in patriarchalen Gesellschaft nur männliche Genealogien gepflegt werden – während die weiblichen vernachlässigt, ja sogar bekämpft werden. Dies müsse sich ändern – auch wenn es vielen Frauen schwer falle, die “Dankbarkeit gegenüber der Mutter” zu empfinden und auszudrücken. Diese “Dankbarkeit” beschreibe eine – bisher eher schwach ausgeprägte – symbolische Struktur, die zum Beispiel in Verhaltensweisen, Vorstellungen und Bildern zum Ausdruck kommt.

Beziehungskultur zwischen Frauen hat eine politische Bedeutung

Dorothee Markert greift diese Überlegungen auf und erklärt, dass die “Beziehungskultur” zwischen Frauen auch eine politische Bedeutung habe. Die “Dankbarkeit” in Bezug auf die Mutter und andere Menschen bedeutet also, dass wir uns bewusst sind, dass wir nur in der Abhängigkeit und Verbundenheit mit anderen Menschen leben können. Ein Problem, das sie in der heutigen Gesellschaft sieht, ist der Umstand, dass Geld von einem möglichen Ausdrucksmittel für Dankbarkeit zum einzigen Mittel werden könnte, mit dem Wertschätzung ausgedrückt wird. Was aber sagt die oft so schlechte Bezahlung von Care-Arbeit über unsere Gesellschaft aus? Wie muss Pflege-Arbeit und Ehrenamt organisiert werden, damit diese Tätigkeitsbereiche trotzdem die angemessene Dankbarkeit erfahren?

Feministische Allianzen auf Zeit oder Wohlfühlgruppen

Einen weiteren Aspekt aus “Wachsen am MEHR anderer Frauen”, den wir im Leseclub diskutieren konnten, sind die Erfahrungen, die Dorothee Markert in ihrer Arbeit mit Frauengruppen gemacht hat. Sie beklagt, dass sich in den Gruppen, die sie kennengelernt hat, der “therapeutische Diskurs” durchgesetzt habe. Womit sie meint, dass der Fokus zu sehr auf Geduld und Verständnis liege und damit kein Platz für Kritik bleibt. Die Verschiedenheit der Frauen werde als Gefahr wahrgenommen, weil keine Frau eine Sonderstellung einnehmen dürfe – deshalb sei man lieber gemeinsam schwach und verharre in einer “Gleichheit der Schwäche”.

Auch hier bringt Dorothee Markert Luisa Muraros Konzept der “Dankbarkeit” ins Spiel: Wenn die Verschiedenheit der Talente und Fähigkeiten anerkannt wird, müssten eben nicht alle “gleich schwach” sein.

Dorothee Markert zählt in ihrem Buch einige Punkte auf, die sie für sich als mögliche Auswege aus der Falle des “therapeutischen Diskurses” gefunden hat: zum Beispiel, dass Treffen und Gruppen nicht institutionalisiert werden und keine festen Teilnehmerinnen haben.

Dazu konnte eine der Frauen im Leseclub anmerken, dass sie in ihrer Frauengruppe in den letzten zwei bis drei Jahren genau dieses Dilemma diskutiert habe. Die Lösung für sie sei aber nicht, die Gruppe weniger verbindlich zu gestalten – sondern im Gegenteil zu akzeptieren, dass einzelne Frauen von der Gruppe aufgrund ihrer Fähigkeiten mehr Autorität zugesprochen bekommen als andere.
Eine zweite Frau merkte an, dass innerhalb der Frauengruppe, in der sie aktiv sei, durchaus gestritten werde – zum Teil so kontrovers, dass sie sich frage, ob sie trotzdem noch dort mitarbeiten wolle.
Einige  Teilnehmerinnen teilten die Beobachtung, dass sie mit männlichen Freunden besser streiten können – möglicherweise weil Frauen “auf harmonie-bedürftig” getrimmt würden oder Aussagen eher “mit dem Beziehungsohr” hören würden.

Doch auch in unserer Diskussion kamen wir immer wieder auf Dorothee Markerts Begriff und Konzept der “Dankbarkeit” zurück. Ein Konzept, das zwar alle gut und spannend finden, dessen Begriff aber doch so viele Konnotationen hat, dass sich die meisten im Leseclub mit dem Begriff der “Anerkennung” sehr viel leichter taten. Doch die Hierarchie, die bei einem Begriff wie “Dankbarkeit” mitschwingt, ist von Markert durchaus beabsichtigt: Schließlich gäbe es uns nicht, ohne eine Mutter, und wir könnten nicht existieren, ohne die Menschen, die uns umgeben.

Gibt es „unverbrauchte“ Wörter?

Es stellte sich die Frage, ob es überhaupt “unverbrauchte Worte” gibt, inwiefern wir Worte neu besetzen können – und wie eine Diskussion möglich ist, ohne, dass man erst man sein eigenes kleines Wörterbuch auspacken muss, um zu definieren, was mit “Mutter”, “Dankbarkeit” und “Begehren” gemeint ist.

Wie sehr es sich lohnt, sich mit dem Konzept der Dankbarkeit zu befassen, erzählte eine der Teilnehmerinnen: Sie habe dadurch nicht nur viel für ihre Arbeit in Frauengruppen gelernt – sondern es tatsächlich geschafft hat, dass sich ihr Verhältnis zu ihrer eigenen Mutter verbessert hat. Eine andere Frau bezeichnete das als “Alchemie”, was nicht abwertend gemeint ist, denn das Schöne an diesem Konzept ist ja: Auf symbolischer Ebene suche ich mir meine geistigen Mütter, die Frauen, zu denen ich mich in Bezug setzen will. Was nicht nur bedeutet, dass ich ihnen und dem, was sie erreicht haben, Respekt zolle, Anerkennung bzw. Dankbarkeit schenke – im gleichen Moment wertet dieser Bezugsrahmen auch mich selbst auf, als Frau in der Welt. Und auf der privaten Ebene gehört es schließlich zu den souveränsten Schritten überhaupt, bei jemandem, mit dem frau eigentlich einen Konflikt hat, auch die positiven Seiten anzuerkennen.

Wie sehr Sprache auf unser Bewusstsein wirkt (mehr dazu im nächsten Leseclub mit Luise F. Pusch) zeigt sich nicht nur an den Begriffen, sondern auch an ganz simplen Formulierungen. Das demonstrierte eine der Frauen besonders treffend, indem sie das Prinzip der Dankbarkeit und der möglichen Kritik folgendermaßen erklärte:

“Ich erkenne die Errungenschaften von einer bestimmten feministischen Autorin an, bin ihr dankbar UND ich kritisiere ihre zum Teil rassistischen Auslassungen in ihrem neuen Buch.”

Verachtung für das Saubermachen versus Freude an der Hausarbeit

Das letzte Kapitel in “Wachsen am MEHR anderer Frauen” konnten wir aus Zeitgründen nicht mehr diskutieren. Dorothee Markert hat ihm die Überschrift “Hausarbeit und Nachhaltigkeit” gegeben. Sie stellt in den Texten Fragen wie: Was bedeutet es, “arm dran” zu sein? Ist Armut ein Mangel an Geld oder an Bildung – und was hat das mit einer (gesellschaftlichen) Verachtung der Leistungen von Hausfrauen und Müttern zu tun? Für eigentlich reiche Sozialstaaten wie Deutschland fordert Markert deshalb einen “anderen Armutsbegriff”, der sich weniger an Geld sondern mehr an Bildung orientiert.

Dabei kritisiert sie auch den Gleichheitsdiskurs der Frauenbewegung, weil dieser mit dazu beigetragen habe, dass das “Werk der Mütter” so gering geschätzt werde. Dies zeige sich in der

“Verachtung des Aufräumens, des Saubermachens und des Reparierens, also der Erhaltung von Dingen, und Verachtung für die Person, die aufräumen und sauber machen muss.”

Die Frauenbewegung habe sich zu sehr an der Gleichheit mit dem Mann orientiert – und dadurch wurde der Bereich des “Care” gegenüber der Berufstätigkeit abgewertet. Stattdessen müsse die “weibliche Autorität” im Mittelpunkt stehen. Dorothee Markerts steile These, dass die Freude an der Hausarbeit, am Pflegen und Reparieren sogar ein Widerstandsmoment gegen den Kapitalismus enthalte – da sie dem Zwang zum Konsumieren und Wegwerfen entgegensteht -, hätte sicherlich genügend Stoff für einen weiteren Leseclub geliefert.

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