Leseclub: „Unsagbare Dinge“

„Dies ist eine Geschichte darüber, wie Sex, Geld und Macht Mauern um unsere Fantasie errichten.“

Mit diesen Worten beginnt Laurie Pennys Buch, das eine höchst polemische Kampfansage ist gegen die Unterdrückung von Frauen: Frauen dürfen nicht zornig sein, nicht über Schwangerschaftsabbruch nachdenken, nicht über Vergewaltigung sprechen – sie dürfen nicht frei sein. Laurie Pennys Buch ist ein Rundumschlag: Sie schreibt über Magersucht, hate speech im Internet, über das weibliche Helfersyndrom den vermeintlich „verlorenen  Jungs“ gegenüber und darüber, was der Neoliberalismus mit der Liebe anrichtet. Es ist also gar nicht so leicht, sich auf ein paar zentrale Aussagen zu konzentrieren, weil „Unsagbare Dinge“ so vieles anspricht, über das unbedingt gesprochen werden sollte.

Laurie Penny, 1986 in London geboren, wuchs, wie sie selbst sagt, „im Internet auf“. Ihr Blog „Penny Red“ ist höchst renommiert, ihr Buch „Fleischmarkt“ von 2011 hat für viel Aufsehen gesorgt.

Im Leseclub zum Buch konzentrierte sich Moderatorin Laura Freisberg auf Pennys Kernaussagen:

Die Karrierefrau ist die Heldin des Neoliberalismus

Gleich zu Beginn ihres Buches erklärt Laurie Penny, dass die moderne Karrierefrau „die Heldin des Neoliberalismus“ sei. Eine Frau, die Familie und Karriere vereinbaren könne und nebenbei noch eine “dritte Schicht” einlegt, nämlich die Arbeit am eigenen Körper. Gutes Aussehen ist schließlich unabdingbar. Mit dieser Schablone einer auf allen Ebenen erfolgreichen Frau vergleichen sich nun viele Frauen und merken, dass sie nicht genügen. Also müssen sie sich eben ein bisschen mehr anstrengen, sich im Job mehr reinhängen, die richtigen Produkte kaufen, für ihre Liebsten die richtigen Entscheidungen treffen. Für jene, die im Hamsterrad mitrennen und merken, dass sie nie perfekt sind, ist die Situation schon schlimm. Noch schlimmer aber ist sie für all jene, die es gar nicht erst schaffen, diesem Ideal hinterher zu eifern. Diese Verpflichtung zur bedingungslosen Leistungsbereitschaft betrifft natürlich nicht nur Frauen, sie hat sämtliche Lebensbereiche infiziert.

Laurie Penny schreibt dazu:

„Der Neoliberalismus rühmt “Karrierefrauen” und verunglimpft arme Frauen, farbige Frauen, Sexarbeiterinnen und alleinstehende Mütter als Schmarotzer, Schlampen und Schwindler. Die “Karrierefrau” ist die neoliberale Heldin: Sie feiert marktkonform ihre Triumphe, ohne Hierarchien anzutasten.“

Der Feminismus, der in den letzten Jahren die Schlagzeilen bestimmt hat, mit seiner Forderung nach einer Frauenquote in Vorständen und Tipps zur Vermarktung von „erotischem Kapital“, wird von Laurie Penny heftig kritisiert. Sie entlarvt den so genannten “trickle down effect” als Illusion, nämlich die Vorstellung, dass Wohlstand genau wie Geschlechtergerechtigkeit nach unten „durchsickern“ könnten.

Laurie Penny erklärt also – ähnlich wie einige deutsche Autorinnen (etwa von Susanne Garsoffky und Britta Sembach in „Die Alles ist möglich-Lüge: Wieso Familie und Beruf nicht zu vereinbaren sind“) -, dass Frauen eben nicht „alles“ haben können. Im Übrigen habe auch niemand bisher gefragt, ob zum Beispiel eine Putzfrau, auch „alles“ haben könne. Aber die Hilfe einer Putzfrau, eines Kindermädchens, einer Pflegerin braucht es, wenn wir voll berufstätig sein wollen und gleichzeitig eine Familie haben, um die wir uns kümmern müssen.

Her mit der System-Kritik!

Wenn das System immer dafür sorgen wird, dass du dich schlecht fühlst, weil nur das die Maschine von Konsum und Leistungsgesellschaft am Laufen hält – und wenn es am System liegt, dass du den Ansprüchen gar nicht genügen kannst -, dann ist es ja nicht nur deine eigene Schuld, das ist das sehr befreiende Fazit von Laurie Penny.

Es muss also eine System-Kritik her, und das ist für Laurie Penny eine Kritik am kapitalistisch-patriarchalen System. Nichts völlig Neues, aber vielleicht etwas in Vergessenheit geraten.

Cornelia Roth von den Frauenstudien konnte in einem kurzen Abriss sehr gut erklären, wie sich die feministischen Debatten in den letzten Jahrzehnten entwickelt haben und warum es für manche Frauen eben nicht mehr um die Frage nach dem wirtschaftlichen System geht. Genau hier setzt aber Laurie Pennys Kritik an, die erklärt, dass der „Mittelschichtsfeminismus“ zwischen Neurosen und dem Versuch der Emanzipation stecken geblieben sei – weil er die gesellschaftlichen Grundstrukturen nicht wirklich angetastet habe. Die seien immer noch:

„Sexistisch, homophob und misogyn (…), weil sie sich weiter auf sexuelle Kontrolle, soziale Ungleichheit und die unbezahlte Arbeit von Frauen und Mädchen stützen.“

Laurie Penny erklärt in ihrem Buch auch sehr gut, warum das kapitalistisch-patriarchale System noch nicht mal allen Männern nützt, sondern nur einer Minderheit von ihnen: Der prekär beschäftigte junge Mann, der mit klassischem Alphamännchen-Gehabe nichts anfangen kann, empfindet sich möglicherweise ebenso sehr als Opfer der Umstände wie manch eine Frau.

Abweichung von der Norm oder „Was wollen wir eigentlich?“

Aber wenn diese „Karrierefrau“ nur ein Konstrukt des Kapitalismus ist, warum sollte sie dann noch als Vorbild dienen? Statt ständig das Gefühl zu haben, dass wir versagen, könnten wir uns etwas Neues suchen. Da braucht man sich auch nicht über den Boom der neuen Häuslichkeit – Marmelade einkochen, Wickelrock nähen, Laternen einhäkeln – wundern. Laurie Penny schreibt etwas provozierend:

„Wenn der Feminismus uns nicht mehr gebracht hat, als das Recht auf Lohnarbeit, so kommt durchaus zurecht das Gefühl auf, dass es mit der Emanzipation nicht weit her ist und dass die Frauen, die sich für den attraktiven Prinzen und die Hausfrauenrolle entscheiden, vielleicht doch die richtige Wahl treffen.“

Der Rückzug in die Häuslichkeit ist für so eine politische Autorin wie Laurie Penny natürlich nicht die Lösung, stattdessen fordert sie, dass wir diese kapitalistischen Ideale zerstören und uns die Frage stellen: Was wollen wir Frauen wirklich – und übrigens auch viele Männer, die nicht von diesem System profitieren? Das klingt einfach, ist aber gar nicht so leicht zu beantworten. Denn: Wir haben vielleicht gar nicht gelernt, selbst herauszufinden, was wir wollen. Einige Teilnehmerinnen konnten von Erfahrungen berichten, wie schwierig es ist, wenn frau sich so verhält, dass es von der Norm abweicht – vor allem im Berufsleben.

Warum Feminismus und Kapitalismus-Kritik zusammengehören

Laurie Penny zieht das Fazit, dass man nicht über Feminismus nachdenken kann, ohne das politische und wirtschaftliche System mitzudenken: Wessen Arbeit ist wichtig, wird geschätzt, wird angemessen bezahlt?
Damit waren wir beim Leseclub schnell bei einer Diskussion darüber, wie pflegende und erzieherische Arbeit – ob als Beruf oder innerhalb der Familie – bewertet und gesellschaftlich anerkannt wird. Es herrschte Einigkeit darüber, dass die Care-Tätigkeiten dringend mehr gewürdigt werden müssen.

Laurie Pennys Verdienst in „Unsagbare Dinge“ ist es, Klischees von Weiblichkeit und Männlichkeit wunderbar zu sezieren, Denkmuster zu entlarven, die destruktiv für die Einzelnen sind – aber als selbstverständlich gelten. Und Laurie Penny bringt sehr gut auf den Punkt, warum Feminismus und Kapitalismus-Kritik unbedingt zusammen gedacht werden müssen.

Bei Interesse an den Leseclub-Abenden melden Sie sich bitte unter info@frauenstudien-muenchen.de. Der Eintritt ist frei, die Platzzahl aber beschränkt.
Alle Bücher, die im Frauenstudien Leseclub gelesen werden, können über die Buchhandlung Buch & Bohne bezogen werden.

Zum Weiterlesen:

  • Laurie Pennys Blog „Penny Red
  • Interview mit Laurie Penny von Laura Freisberg für den Bayerischen Rundfunk

3 Kommentare “Leseclub: „Unsagbare Dinge“

  1. So jung diese Autorin ist, spricht sie doch Frauen aller Altersgruppen an. Mich beeindrucken die sehr persönlichen Beispiele mit denen Laurie Penny ihre Thesen untermauert. Die Inbesitznahme des weiblichen Körpers durch das System, u.a. als geheilt betrachtet zu werden durch angepasstes Verhalten. Sich beugen, also adrett und wohlgefällig, begründet für Frauen gesellschaftsfähig zu sein. Konsequenterweise ist ein Ausbruch aus diesen Verhältnissen nur in Form einer Meuterei möglich. Laurie Penny schreibt: „Die freundliche Bitte um Veränderungen bringt uns nicht weiter. Wir brauchen Meuterei.“ und „Feminismus ist eine Revolution“
    Der alten neuen Forderung das private ist politisch, kann ich mich nur anschließen. Ist diese doch nach wie vor in vollem Umfang gültig. Schön wenn außerdem der Einfluss der Wirtschaft thematisiert wird. So schreibt Laurie Penny „Unterdrückung von Frauen hatte schon immer was mit Ökonomie zu tun.“ und sei „…ein mieses kapitalistisches Konstrukt…“, auch „…kapitalistische Ideale zerstören…“. Der praktizierte Neoliberalismus, vor allem die Austeritätspolitik, wird an diesen Verhältnissen sicher nichts ändern, im Gegenteil.
    Für mich war das Sprechen über die „Unsagbaren Dinge“ von Laurie Penny im Lesezirkel der Frauenstudien sehr anregend. In der kleinen illustren Runde habe ich mich sehr wohl gefühlt. Und ich habe weitergesponnen und musste feststellen, es ist nicht die Realisierung der Gleichberechtigung die zu Gange ist. Sind nicht die stark neoliberalen Forderungen nach „freier“ Entfaltung, die verblüffender weise das männliche Lebensmuster unterstützen, die auf Frauen übertragen werden sollen in aller Munde. Während die Themen aus den klassischen Frauenrollen weiterhin unterbelichtet behandelt werden. Und dass obwohl gerade diese im menschlichen Zusammenleben eine unverzichtbare, tragende Rolle einnehmen. Auch dazu liefert das Buch Gesprächsmaterial. Ich freue mich auf die nächste Runde im Leseclub.
    Helene

  2. Vielen Dank für den gelungenen Nachbericht! Zu dem Thema „Was will ich? – Wie finde ich mein eigenes Begehren?“ gibt es noch eine Erfahrung aus der Frauenbewegung vor 40.Jahren: den Signalen des eigenen Kõrpers beim Nachdenken darüber Beachtung schenken – und Freundinnen nach ihrem Blick von aussen auf mein Begehren befragen…

  3. Auch ich danke für den Nachbericht.
    Und habe eine Anmerkung zum Thema Putzkraft: Darauf hat mich vor Jahren schon ein Vortrag von Antje Schrupp gebracht, eben die Frage, wer sich denn um die Wohnung der Putzkraft kümmert, die 12 Stunden am Tag die Wohnungen von mir und meinen Freundinnen säubert. Früher habe ich eine Putzkraft beschäftigt, heute tue ich das nicht mehr. Ich mache das jetzt selbst, gemeinsam mit meinem Mann (mal wieder eine 50:50-Aufteilung). Ist das der Weg? Oder doch ein Putzroboter?

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