Leseclub: „Die linke Hand der Dunkelheit “ von Ursula K. LeGuin

Die linke Hand der Dunkelheit“ aus dem Jahr 1969 ist ein feministischer Science-Fiction-Roman der amerikanischen Autorin Ursula K. LeGuin (1929-2018). Darin beschreibt sie eine Welt, in der die Bewohner_innen weder männlich noch weiblich sind bzw. nur für kurze Phasen eine geschlechtliche Identität haben. Auf diesen Planeten kommt der Ich-Erzähler, dem es schwerfällt, die „Gethenianer“ weder als Mann noch als Frau wahrzunehmen – in seiner Sprache sind alle Bewohner deshalb erst mal Männer. Dieses „Gedankenexperiment“ wurde mit den beiden wichtigsten Literaturpreisen für Science-Fiction bedacht, dem Hugo und dem Nebula-Award.

Ursula K. LeGuin geht es mit dem Roman aber nicht darum, die androgyne Gesellschaft als die bessere zu beschreiben, sondern unsere Denkweise herauszufordern.

 

Ein Nachbericht zum Leseclub von Laura Freisberg

Für diesen Roman aus dem Jahr 1969 hat LeGuin die zwei wichtigsten Literaturpreise im Bereich der Science-Fiction bekommen, den Hugo und den Nebula Award – doch vor allem ist die Geschichte von dem Terraner Genly Ai, der die Menschen vom Planeten Gethen beobachtet, Social Fiction.

LeGuin wagt hier ein besonderes Gedankenexperiment: was wäre wenn Menschen weder Mann noch Frau wären – sondern beides gleichzeitig, nämlich ambisexuell? Wie würde so eine Gesellschaft aussehen, welche Folgen hätte es für das Zusammenleben?

Der Planet “Winter”, von seinen Bewohnern “Gethen” genannt, liegt irgendwo in einem etwas einsamen Bereich des Weltalls, siebzehn Lichtjahre vom nächsten bewohnten Planeten entfernt. Hierhin wird der Terraner Genly Ai gesandt, um die Gethianer davon zu überzeugen, sich der Ökumene – der Vereinigung aller bewohnten Planeten – anzuschließen. Doch in einem Punkt unterscheiden sich die Gethianer ganz grundlegend von all den anderen Menschen: Sie sind ambisexuell und können sowohl männlich als auch weibliche Geschlechtsmerkmale ausbilden. Einmal im Monat, für ein paar Tage, befinden sie sich in einer Phase, wo sie entweder zum Mann oder zur Frau werden – und damit entweder ein Kind zeugen oder schwanger werden können. Das heißt, auf Gethen gibt es keinen Sexismus – und übrigens auch keinen Rassismus. Manche Menschen sind in ihrem Leben sowohl Mutter als auch Vater, wobei Kinder, die man selbst geboren hat, zum eigenen “Herd” gehören – was bedeutet, dass die Gesellschaft sich an der “mütterlichen” Linie orientiert.

Dem Mann von der Erde, Genly Ai, sind diese Menschen erst mal sehr suspekt. Er versucht immer wieder, sie eher in die eine oder andere Kategorie einzuordnen. Wobei ihm besonders die vermeintlich “weiblichen” Eigenschaften der Gethianer unangenehm auffallen. Allerdings entscheidet er sich, in seinem Bericht generell von “Männern” zu sprechen und damit ist klar: Mensch = Mann.

Der König ist schwanger

Im Leseclub wurde dieser Punkt sehr ausführlich diskutiert: Wie gelungen ist so ein Gedankenexperiment einer ambisexuellen Gesellschaft, wenn aber doch nur von Lords, Männern, Söhnen die Rede ist? Was für Bilder entstehen beim Lesen, wenn es nur ein “Er” gibt? Zum Beispiel wird im Roman eine Geschichte erzählt, wie in einer einsamen Hütte im Wald ein “junger Mann” auf einen “alten Mann” trifft. Was der jüngere nicht weiß: der ältere ist seine Mutter.

Ursula K. LeGuin hat in einem späteren Essay “Introducing Myself” darauf hingewiesen, warum sie als Schreibende eher ein “Mann” ist: Weil Frauen noch nicht “erfunden” wurden. “The writer”, also “der Schriftsteller” – ein Mann. Alle Menschen hatten dasselbe Pronomen: er. Und so ist es auch bei ihrem Debütroman “Die linke Hand der Dunkelheit”. In besagtem Essay schlussfolgert LeGuin aber nicht, dass es nunmal so sei – im Gegenteil: Da sie ja immer nur eine schlechte Imitation eines Mannes sei (zu lange Sätze im Vergleich zum ach so männlichen Hemmingway etc.) könne sie ja genauso gut anfangen, eine Frau zu sein.

Die Menschen auf dem Planeten Gethen lernen die Leser*innen aber nun durch den Blick eines Mannes kennen – der befremdet ist, wie selbstverständlich die “Männer” auf Gethen weinen, wie ausgesprochen hübsch manche von ihnen sind – und wie wenig männliches Konkurrenzdenken sie doch haben. Aber auch wenn Genly Ai nur von “Männern” spricht: Allein schon Sätze wie “Der König ist schwanger” sind ausreichend irritierend, um unser binäres Geschlechterverständnis in Frage zu stellen.

Wie funktioniert das mit der Liebe?

Im Leseclub wurde auch angemerkt, dass es schade sei, wie sehr sich der Ich-Erzähler – und damit auch die Autorin – in den Schilderungen auf das öffentlich-politische Leben beschränke. Genly Ai interessiert sich vor allem für Politik, für die Ränkespiele zwischen den Ministern – auch weil er ja ein Anliegen hat, das vor allem den König und die Abgeordneten betrifft. Er hat wenig Einblick in das Zusammenleben innerhalb eines “Herdes”, er weiß kaum etwas darüber, wie Familien-Beziehungen, Freundschaften und Liebesbeziehungen gepflegt werden.

Auch dass Genly Ai schwarz ist, es auf dem Planeten Winter aber keinen Rassismus gibt, wird nur angerissen. Und das zeigt auch den intelligenten Kniff von Ursula K. LeGuins Roman: auf Gethen gibt es weder Rassismus noch Sexismus – und doch haben die Gesellschaften dort andere Unterdrückungsmechanismen entwickelt.  Ganz besonders das Land “Orgoreyn” ist ein Überwachungsstaat par excellence, in dem die Menschen zwar alle eine Arbeit garantiert bekommen, aber vor allem nach ihrer Nützlichkeit beurteilt werden. Auf diese Weise zeigt Ursula K. LeGuin auch, wie beliebig und nicht “natürlich” Rassismus und Sexismus sind.

Gethen ist kein Sehnsuchtsort

LeGuin will ihren LeserInnen diese ambisexuelle Gesellschaft gewiss nicht als positive Utopie nahelegen. Das zeigt schon das Setting: Die Welt, die sie auf dem Planeten Gethen beschreibt, ist wahrlich kein Sehnsuchtsort: es ist das ganze Jahr über eiskalt, die Wintermonate mit massenweise Schnee und Blizzards lassen sich nur in Festungen überstehen. Es gibt nur wenige Pflanzen und Tiere – und gar keine Tiere die fliegen können, wie Schmetterlinge, Bienen oder Vögel.

Das wichtigste Fortbewegungsmittel sind Schneepanzer und Skier. Es gibt kaum Kunst, nichts ist verspielt oder im Überfluss vorhanden – außer der Schnee.

Die Menschen müssen ständig essen, damit sie die Kälte aushalten, nur leider gibt es lediglich in der Hauptstadt einigermaßen schmackhaftes Essen. Alles ist unglaublich einfach, langsam, auf das Überleben ausgerichtet.

Wie alle guten Romane ist “Die linke Hand der Dunkelheit” so komplex, dass man ihn unter den verschiedensten Gesichtspunkten lesen kann: einerseits die Geschlechterthematik, andererseits die Diskussionen um Clan-Gesellschaften, Nationalismus und die Nützlichkeit von Krieg.

Vor allem aber ist es die Geschichte über eine Freundschaft, die sehr lange braucht, bis sie sich entwickeln kann – weil Genly Ai und der Gethianer Estraven sehr lange nicht verstehen, nach welchen Prinzipien der andere kommuniziert.

 

Biographie von Ursula K. Le Guin

Ursula K. Le Guin wurde 1929 in Berkeley/Kalifornien als Tochter der Schriftstellerin Theodora Kroeber und des Anthropologen Alfred Kroeber (daher das K. in ihrem Namen) geboren. Nach einem Geschichtsstudium begann sie Anfang der sechziger Jahre mit dem Schreiben und veröffentlichte ihre ersten SF- und Fantasy-Erzählungen. Ihren Durchbruch erzielte sie schon wenige Jahre später mit dem Roman „Die linke Hand der Dunkelheit“ – und mit dem Fantasy-Epos „Erdsee“ wurde sie schließlich weltberühmt. Poesie und gedankliche Tiefe ihres Werkes, das nicht nur mit sämtlichen Genre-Preisen ausgezeichnet, sondern auch mit dem amerikanischen National Book Award geehrt wurde, haben in der Science Fiction neue Maßstäbe gesetzt. Die Autorin starb Anfang des Jahres im Alter von 88 Jahren.

Ein Nachruf auf Ursula K. LeGuin von Antje Schrupp.

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