Leseclub: “Die andere Stimme”

Sind Frauen moralisch unterentwickelt? Oder anders gefragt: Wie kommen angesehene Denker wie der Begründer der Psychoanalyse Sigmund Freud, der Entwicklungspsychologe Jean Piaget und der Havard-Professor Lawrence Kohlberg, für den die amerikanische Psychologin und Autorin Carol Gilligan lange gearbeitet hat, zu dieser Schlussfolgerung?

Abweichend, anders, problematisch?

Carol Gilligan, geboren 1936, veröffentlicht 1982 ihr Buch “Die andere Stimme”. Darin stellt sie eine Vielzahl von Wissenschaftlern vor, die zwar bei Jungs und Mädchen unterschiedliche Entwicklungsstadien auf psychologischer und sozialer Ebene herstellen, die aber trotzdem die Entwicklung des Jungen zum Maßstab nehmen. Das Mädchen bleibt immer das “Abweichende”, “Andere” und oft auch Problematische – als würde mit ihnen etwas nicht stimmen.

Das Problem, erklärt Gilligan, seien aber nicht die Mädchen oder Frauen, sondern die Theoriegebäude dieser männlichen Wissenschaftler. Darin würden moralische Abwägungen und Entscheidungen von Frauen meist als “unreif” klassifiziert: Das Streben nach Autonomie und die Orientierung an abstrakten Werten gilt als “erwachsen”. Frauen hingegen würden eher nach zwischenmenschlichen Gesichtspunkten als nach abstrakten Gesetzen entscheiden. Die Schlussfolgerung: Frauen sind emotional, Männer rational. Damit ist auch klar, wer sich besser für Führungspositionen eignet.

“Frauen sind emotional, Männer rational”

Dieser krassen Verallgemeinerung setzt Carol Gilligan ihre eigenen psychologischen Analysen entgegen – und das zu einer Zeit, als noch niemand von “emotionaler Intelligenz” sprach. Gilligan findet heraus, dass für Frauen Moral weniger eine Frage der Gerechtigkeit als der Fürsorge ist und entwickelt mit diesem Wissen ihre Theorie der Care-Ethik, einer weiblichen Moral der Fürsorge. Nicht die Frauen sind infantil, sondern die bisherigen Modelle der traditionellen Psychologie haben die Motive, die moralischen Ansprüche und das psychologische Wachstum der Frauen systematisch missverstanden.

Carol Gilligan über den Erfolg ihres Buches

und darüber, dass auch Männer nicht automatisch unemotional über persönliche moralische Entscheidungen nachdenken:

Laura Freisberg, Moderatorin des Leseclubs, über den Abend: Carol Gilligan ist als Autorin eine Grenzgängerin und ihre Überlegungen in “Die andere Stimme” kann man zwischen Psychologie, Moral-Theorie und feministischer Analyse ansiedeln. In ihrem Buch wechseln ausführliche Analysen zu einzelnen Probantinnen mit allgemeineren Überlegungen ab.

Den Anstoß zu Carol Gilligans Untersuchungen gab ein Dilemma innerhalb der Psychologie: bei ihrer eigenen universitären Arbeit fiel Gilligan auf, dass Mädchen und Frauen nach den Maßstäben von Denkern wie Sigmund Freud und Jean Piaget in der moralischen Entwicklung gleichaltrigen Jungs hinterher hinken. Doch das Problem, merkte Gilligan, waren dabei nicht die Mädchen – sondern die Fragen bzw die Schemata, nach denen moralisches Handeln und Urteilen bewertet wurde.

Ihre Schlussfolgerung war denn auch: ein moralisches Problem wird von Jungs anders betrachtet als von Mädchen. Als Beispiel nahm sie das “Heinz’sche Dilemma”, nämlich die Frage: soll ein Mann ein Medikament für seine todkranke Frau stehlen, wenn der Apotheker einen Wucherpreis verlangt, den der Mann nicht zahlen kann? Während Jungs mit Gesetzen und Regeln argumentieren, versuchen Mädchen eher eine Lösung zu finden, die es erlaubt, das Beziehungsgeflecht zwischen den Beteiligten zu erhalten.

Carol Gilligan entdeckt hier eine Ethik der Anteilnahme (care) – im Gegensatz zu einer eher männlichen Ethik der Gleichheit. Diese Ethik ist der Grundstein für ihre Theorie einer “anderen Stimme”, die in Psychologie, Philosophie und Politik – in unserem ganzen Zusammenleben bisher noch kaum gehört wurde – obwohl doch die Anteilnahme, das Beziehungsgeflecht zwischen den Menschen mindestens genauso prägend ist, wie die abstrakten Regeln, die sich eine Gesellschaft gibt.

Für Carol Gilligan und aus feministischer Sicht ist das sowohl für die Gesellschaft insgesamt, als auch für ihre einzelnen Mitglieder problematisch. Carol Gilligan zeigt in ihren Untersuchungen, dass Mädchen und junge Frauen oft Angst haben, Entscheidungen zu fällen: weil sie anders urteilen als Jungs, weil sie niemanden enttäuschen wollen und weil es ihnen schwer fällt, die eigene, eben andereStimme zu vernehmen. Mädchen sind anfällig für die abfälligen Urteile anderer und zweifeln gleichzeitig an ihrem eigenen Recht, Urteile zu fällen.

Ein Gefühl der Verletzbarkeit hindert sie daran, einen Standpunkt einzunehmen. Das hat Folgen: Alte Rollenklischees wirken weiter, weshalb die “gute” Frau auch keine wirkliche Eigenständigkeit erreichen kann.

Aus Angst vor der Verantwortung entsteht ein Zustand der Abhängigkeit und der Wunsch, umsorgt zu werden: es ist ein Tauschgeschäft, bei dem Frauen zum unsicheren, “schwachen” Geschlecht werden. Vor allem, wenn sie nach Klischee-Vorstellungen leben, wie der, dass Opferbereitschaft die höchste Tugend sein. Carol Gilligan vergleicht sogar das weibliche Zögern, für bestimmte Werte einzutreten mit dem Konzept der Enthaltsamkeit. Der Autonomie steht das Mitgefühl im Wege – es könnte ja sein, dass eine Frau jemanden vor den Kopf stößt, wenn sie für ihre eigenen Interessen eintritt.

Gleichzeitig macht Gilligan aber auch klar, dass eben beides in Balance gebracht werden müsse – aber dass sich Frauen und Männer auch weiterhin in einem Geflecht aus Verantwortungen befinden, selbst wenn sie sich mehr Autonomie erkämpfen. Zum Ende ihres Buches weist Gilligan darauf hin, dass auch Jungs und Männer in diesem Dilemma stecken können: wenn ihr moralisches Urteilen eben nicht einem Klischee von Männlichkeit entspricht.

Im Leseclub haben wir vor allem darüber diskutiert, wie diese Erkenntnisse zu einer Ethik der Verantwortung, Anteilnahme und Verbundenheit – im Englischen mit dem Begriff care zusammengefasst – im Alltag umgesetzt werden kann. Zum einen besteht die Notwendigkeit, sich selbst auch als Wesen zu begreifen, das innerhalb dieser Verbundenheit lebt und handelt – aber das auch sich selbst gegenüber eine Verantwortung hat. Zum anderen gibt es ja schon die sogenannte care-Revolution, den politischen Versuch Arbeit, die mit Pflege zu tun hat – egal ob bezahlt oder unbezahlt – gesellschaftlich aufzuwerten. Zum Beispiel gibt es neben dem equal pay day auch den equal care day. und jetzt, in der christlichen Fastenzeit, gibt es die Initiative “Karwoche ist carewoche”.

Aber eine Teilnehmerin erzählte auch, sie habe die Theorie gehört, dass vor allem Menschen mit schlechtem Selbstbewußtsein sich für care-Arbeit entscheiden würden – aus einem Gefühl des “Nicht-Genügens” heraus. Deshalb entstehe auch eine größere Opferbereitschaft. Diese These wurde sehr heftig diskutiert und von anderen als gemeine Unterstellung und Abwertung der care-Arbeit bezeichnet.

Die Diskussion drehte sich anschließend um die verschieden Möglichkeiten, Anerkennung zu bekommen und verschiedenen Formen der Anerkennung: über die Funktion innerhalb der Gesellschaft, die Möglichkeit mit zu bestimmen und die Art und Weise, wie wir in ein soziales Geflecht eingebunden sind.

Auch wurde die Frage aufgeworfen, woher die von Carol Gilligan erwähnte weibliche Angst vor Konkurrenz und Erfolg kommen könnte und was sich in den letzten Jahrzehnten in der Hinsicht geändert hat.

Fazit: Aus heutiger Sicht ist immer noch spannend, wie Gilligan die weibliche Sozialisation beschreibt, als Spannungsfeld aus care und individuellen Interessen. Wie stark welches Verhalten ausgeprägt ist, das ist natürlich von der Erziehung und der jeweiligen Persönlichkeit abhängig. Wichtig ist die Feststellung, dass moralisches Urteilen und persönliches Handeln immer innerhalb eines Beziehungsgeflechtes geschehen – für Frauen und für Männer. Die Frage ist nun: welche Auswirkung hat diese Erkenntnis auf unser Zusammenleben?

Das Buch ist zwar vergriffen, aber …

… Mariann Geier von der Buchhandlung Buch & Bohne bestellt es gerne für Sie! Das braucht allerdings eine Vorlaufzeit von etwa einer Woche.

Bei Interesse an den Leseclub-Abenden melden Sie sich bitte unter info@frauenstudien-muenchen.de. Der Eintritt ist frei, die Platzzahl aber beschränkt.

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